Schon früh konnte ich in meiner praktischen Arbeit feststellen, dass viele Heilungsmöglichkeiten unbeachtet bleiben, solange man die Zahnmedizin isoliert betrachtet. In vielen Fällen deutet der Befund der zahnmedizinischen Untersuchung auf mögliche physische und psychische Ursachen, mit vielfältigen Wechselwirkungen: Während in einigen Fällen die Zahnbehandlung hilft, weitere Beschwerden zu lindern oder zu beseitigen, kann mitunter auch umgekehrt ein oralchirurgischer Eingriff durch eine allgemeinmedizinische Behandlung abgewendet werden. Einige Fallbeispiele aus meiner Praxis:
Gallensteine
Eine Patientin klagte über immer wiederkehrende Schmerzen an oberen rechten Eckzahn. Dieser war von ihrem Zahnarzt wurzelbehandelt und mit einer Krone versorgt worden, um die Schmerzen loszuwerden. Eckzähne repräsentieren die Gallenblase und die Leber im Körper. Bei Beschwerden kommt es auch zu Auswirkungen auf die dazugehörigen Zähne. Die Abhängigkeit besteht wechselseitig. Nach weiterer Befragung erzählte die Patientin von ständigen Reizungen der Gallenblase und bereits vorhandenen Gallensteinen. Da eine Gallenoperation bereits terminiert war, warteten wir diese ab, ohne oralchirurgisch tätig zu werden. Die Beschwerden verschwanden, nachdem die Gallenblase entfernt war. Der Eckzahn der Patientin ist röntgenologisch unauffällig und seit der Operation beschwerdefrei.
Angst um den Arbeitsplatz
Ein 40-jähriger Manager kommt zu uns in die Praxis und klagt über Nackenschmerzen und äußerst empfindliche Zähne. In der Anamnese spricht er über die Probleme am Arbeitsplatz und die Angst einer möglichen Kündigung. Bei der Inspektion der Zähne fällt auf, dass der Patient erhebliche Abrasionsflächen an einigen Zähnen aufweist. Er gibt auch an, dass er morgens oft mit verspannten Kaumuskeln aufwacht. Krampfhaftes nächtliches Zähneknirschen mit Kaukräften von 300- bis 400 kg führt zu Verspannungen im Kau- Hals und Nackenmuskelbereich. Diese Muskeln werden stark trainiert, und verhärten und verkürzen sich. Dadurch kommt es zu Schmerzen und Bewegungseinschränkungen im Halswirbelbereich.
Dem Patienten konnten wir durch das Anpassen einer Aufbiss-Schiene und der Zusammenarbeit mit einem Physiotherapeuten helfen, wieder entspannter zu werden. Die Empfindlichkeit durch die Fehlbelastung der Zähne verschwand ebenfalls durch die Aufbiss-Schiene. Der Patient konnte jetzt seinen Stress ohne körperliche Schäden verarbeiten.
Unstillbarer Hustenreiz
Die schon etwas ältere Patientin kam in unsere Praxis zur Kontrolle und klagte über einen unerklärbaren und bisher auch nicht heilbaren Hustenreiz, der willkürlich auftritt. Schon im Gespräch konnte ich beobachten, dass die kompletten Kaumuskeln und die damit zusammenhängende Halsmuskulatur……….. Dadurch verkürzt sich auch die Unterzungenmuskulatur und übt einen Zug auf die Luftröhre und die Bronchien aus. Dies kann dazu führen, das es zu einem nicht entzündungsbedingten Hustenreiz kommt.
Nach einer Entspannung der entsprechenden Muskeln mit einer Aufbiss-Schiene, und der Überprüfung der Halswirbelsäule durch einen Spezialisten ging der Hustenreiz fast komplett zurück. Die Patientin kann jetzt wieder in die Oper gehen, ohne Angst zu haben, durch einen Hustenreiz die Aufführung zu stören.
Wirbelsäulen-Blockade durch Weisheitszahn-Extraktion
Die Patientin H.T. kam zu uns in die Praxis mit starken Schmerzen auf der linken unteren Seite nach einer Weisheitszahnextraktion, die drei Wochen zurück lag. Die Nachbarzähne waren ebenfalls schmerzhaft. Die Extraktionswunde zeigte einen sehr schlechten Wundheilungsverlauf – das erste Mal, dass bei ihr so etwas auftrat. Nach genauerer Untersuchung, fiel auf, das die linke Unterkieferseite eine atypisch geringradige Sensibilitätsstörung aufwies. Nach Befragung nach den Umständen der Extraktion (Dauer 45 min.) war die Sache klar. Bei Eingriffen mit hohem Schwierigkeitsgrad kommt es manchmal zu Luxationen und Blockaden im Bereich der Halswirbelsäule. Das führt zu Nervenausfällen. Die durch die Blockade ausgelöste leichte Taubheit des Gesichts und des Kiefers führte zur schlechteren Durchblutung des Wundbereichs.
Nach der Zahnextraktion kann die Wundheilung gestört, verzögert und auch lange schmerzhaft sein. Die Patientin verwies ich an einen Chiropraktiker. Noch am Abend rief die Patientin an und bedankte sich, da sie keine Beschwerden mehr hatte.
Zähneknirschen kann auch hilfreich sein
Die 46 jährige Patientin A.M. kommt im unsere Praxis und wirkt ziemlich niedergeschlagen, klagt über das Leben und das sie völlig ohne Kräfte sei. Der Blick in den Mund offenbarte 9 fehlende Seitenzähne, was es ihr unmöglich mache ordentlich zu kauen, geschweige denn die Zähne zusammenzubeißen. Menschen, die keine Seitenzähne mehr haben und diese auch nicht mit Prothesen ersetzt haben, sind nachts nicht in der Lage die Zähne zusammenzubeißen. Die Patienten können somit nachts nicht mehr Knirschen, um ihre alltägliche Stressproblematik zu verarbeiten. Die durch das Knirschen verursachte Freisetzung von Antistresshormonen ist diesen Patienten nicht mehr möglich.
Das dauerhafte Fehlen dieser Hormonausschüttung führt zum Ermüdungssyndrom, einem ständigen Ausgebranntsein. Zwei Studien aus den USA zeigen: wenn man depressiven Patienten die Seitenzähne wieder ersetzt, gelangen ungefähr ein drittel der Patienten alleine wieder aus der Depression heraus. In unserem Fall wurden die fehlenden Zähne der Patientin ersetzt und die Kaufähigkeit wiederhergestellt. Ihr Allgemeinzustand besserte sich zügig, und auch ihre Depressionen waren nach 4 Monaten nahezu verschwunden.




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Zahnarztpraxis am Reuterweg Dr. Wolfgang Kuhl
i.A. Tim Adams